KIBAG setzt autonomen Kettenbagger im Praxiseinsatz ein

Ende April ist im schweizerischen Tuggen im Kanton Schwyz ein Projekt gestartet, das in der europäischen Baumaschinenbranche als wichtiger Entwicklungsschritt für autonome Erdbewegung gelten dürfte. Mit der Übernahme eines autonomen Develon Real-X-Kettenbaggers ist die KIBAG das erste Unternehmen in Europa, das die gemeinsam mit Gravis Robotics entwickelte Maschine unter realen Baustellenbedingungen einsetzt.
Die symbolische Schlüsselübergabe wurde von Vertretern aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Südkorea begleitet – ein ungewöhnlicher Aufwand für die Übergabe eines Kettenbaggers, der jedoch die technologische Tragweite des Projekts verdeutlicht. Denn die Maschine arbeitet ohne Fahrer in der Kabine und ohne klassische Fernsteuerung.
Urs Helbling, CEO der AG für Baumaschinen Schmerikon (AGFBS) und Develon Händler in der Schweiz, verweist darauf, dass dem Einsatz rund zwei Jahre Entwicklungs- und Vorbereitungsarbeit vorausgegangen sind. Kern der Lösung ist das KI-gestützte System Real-X, das autonome Arbeitsprozesse im Erdbewegungsbereich ermöglicht. „Heute ist ein besonderer Tag für uns alle. Dies ist keine gewöhnliche Maschinenübergabe, sondern ein Schritt in die Zukunft des Bauens“, sagt Christoph Duijts, CEO der KIBAG.

Investitionen in Technologie und Flottenmodernisierung
Die 1926 gegründete KIBAG beschäftigt mehr als 2.000 Mitarbeiter und ist in den Geschäftsfeldern Baustoffe, Bauleistungen sowie Umwelt und Entsorgung tätig. Zum Unternehmen gehören unter anderem 14 Kieswerke, drei Steinbrüche, 25 Betonwerke sowie 17 Straßen- und Tiefbaubetriebe. Ergänzt wird das Portfolio durch Recycling- und Entsorgungsunternehmen sowie Dienstleister aus dem Freizeitbereich.
Nach Angaben von KIBAG CPO Urs Kordeuter umfasst der Maschinenpark rund 2.000 Baumaschinen unterschiedlicher Größenklassen. Um den technischen Stand der Flotte aktuell zu halten, werden jährlich etwa 200 Maschinen ersetzt. Der Fokus liegt dabei zunehmend auf elektrisch angetriebenen Maschinen und nachhaltigen Betriebskonzepten. Mit Develon bestand bislang keine Geschäftsbeziehung. Ausschlaggebend für die Zusammenarbeit war laut Kordeuter insbesondere der Entwicklungsstand des Herstellers im Bereich autonomer Maschinensteuerung.
Vom Concept X zu Real-X
Die Grundlagen dafür hatte Develon bereits 2019 gelegt, damals noch unter dem Namen Doosan. Mit Concept-X präsentierte das Unternehmen erstmals seine Vision einer unbemannten Baustelle, auf der Sicherheit und Effizienz durch den Einsatz von 5G-Netzen, Drohnenvermessung und autonomer Maschinensteuerung gesteigert werden sollen. Aufbauend darauf folgte 2023 Concept-X2. Ziel der Entwicklungsprogramme bleibt die vollständige Autonomie von Baumaschinen bis zum Jahr 2030. Auf der bauma 2025 stellte Develon schließlich mit „Real-X“ die nächste Entwicklungsstufe vor: einen intelligenten Raupenbagger, der eigenständig Grabenaushub, Erdarbeiten und das Beladen von Lkw ausführen kann.

KIBAG und Gravis Robotics treiben autonome Baustellen voran
Die technische Basis von Real X entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen HD XiteSolution (HDX), der Holdinggesellschaft von Develon, und der Gravis Robotics. Das 2022 gegründete Unternehmen ging aus der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hervor und entwickelt lernbasierte Steuerungssysteme sowie Nachrüstlösungen für autonome Arbeitsmaschinen.
Dominic Jud, CTO und Mitgründer von Gravis Robotics, erklärt, dass das Unternehmen bereits Erfahrungen aus autonomen Anwendungen im Pipelinebau einbringen konnte. „Darauf konnten wir aufbauen, dennoch hält jedes Projekt neue Herausforderungen bereit – sei es die Tiefe des Grabens oder die Bodenbeschaffenheit“, so Jud. Dass die Technologie inzwischen einen hohen Reifegrad erreicht hat, zeigte sich zuletzt auch bei den Develon Demo Days Mitte April in Prag, bei denen Händler, Kunden und Fachjournalisten die autonome Baggerlösung unter Praxisbedingungen erleben konnten.

Praxiseinsatz im ehemaligen Steinbruch
Zum Einsatz kommt der autonome DX225LC auf dem Gelände eines ehemaligen KIBAG Steinbruchs, das derzeit renaturiert wird. Nach Abschluss der Verfüllarbeiten und der Anlage von Terrassen soll dort künftig auch eine Straße entstehen. Da der Betrieb autonomer Baumaschinen im öffentlichen Raum bislang regulatorisch nicht abschließend definiert ist, erfolgt der Einsatz auf dem privaten Betriebsgelände der KIBAG unter Aufsicht technischen Personals.
Der autonome Bagger wurde damit beauftragt, einen rund 300 Meter langen, sechs Meter breiten und drei Meter tiefen Graben herzustellen. Dieser soll mit überwiegend felsigem Material verfüllt werden, um den Bergfuß dauerhaft zu stabilisieren. „Wir ersetzen schlechtes Material durch deutlich besseres“, erläutert Bauleiter Gabriel Hasler. „Die Maschine erledigt ihren Auftrag außerordentlich gut“, sagt er.
Die Arbeiten werden vor Ort auch von Panyoung „Peter“ Kim sowie Gye-Bong „GB“ Jang begleitet, die bei HD XiteSolution leitende Funktionen im Bereich Robotik und KI verantworten. Von allen Projektbeteiligten wird insbesondere die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit während der verschiedenen Entwicklungs- und Implementierungsphasen hervorgehoben.
„2024 wurde die Idee für dieses Projekt anhand eines Prototyps von Develon geboren“, erinnert sich Urs Helbling. „Auf der bauma 2025 wurden dann die entsprechenden Kontakte geknüpft und im Sommer 2025 hat die KIBAG entschieden, den DX225LC in dieser Konfiguration nutzen zu wollen“, führt er weiter aus.

Fachkräftemangel als Treiber autonomer Systeme
Neben technologischen Aspekten spielt auch die wirtschaftliche Perspektive eine zentrale Rolle. Insbesondere vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels stoßen autonome Lösungen auf wachsendes Interesse in der Branche. Nach Angaben der Projektpartner ermöglicht das System Leistungssteigerungen von bis zu 30 Prozent bei Grabenaushub, Erdarbeiten und der Beladung von Lkw. Hinzu kommt das sogenannte Gravis-Rack, dessen Bedienkonzept so ausgelegt wurde, dass Baustellenteams die Steuerung und Überwachung vergleichsweise schnell erlernen können.
„Wir werden Sicherheit und Effizienz auf Baustellen mit unseren Innovationen immer weiter steigern“, kündigt Gilles Bendaoud, Vice President Sales And Marketing Europe bei Develon, an. Dabei verweist er auch auf weitere Entwicklungen des Herstellers, darunter das Sicherheitssystem E-Stop oder die transparente Radlader-Schaufel.
Zum Abschluss der Veranstaltung betonte Martin Gering, Key Account Manager GSA & EE bei Develon, die grundsätzliche Bedeutung des Projekts für die weitere Entwicklung autonomer Baustellenprozesse: „Auch wenn es noch einige rechtliche Hürden gibt, die überwunden werden müssen, sind wir der Vision der autonomen Baustelle heute wieder einen bedeutenden Schritt nähergekommen.“
Fotos: Develon/ Gravis Robotics




