Montage der Nordex N175/6.X unter anspruchsvollen Bedingungen

Im brandenburgischen Windpark Mahlsdorf haben drei 800-Tonnen-Krane des Herstellers Liebherr-Werk Ehingen GmbH Ende 2025 zehn Windenergieanlagen des Typs Nordex Group N175/6.X errichtet. Zum Einsatz kamen ein LG 1800-1.0 der Nolte Auto-Krane GmbH sowie jeweils ein LR 1800-1.0 der Neeb und der Hofmann Kran-Vermietung GmbH & Co. KG.
Angesichts der Dimensionen der Anlagen – 175 Meter Rotordurchmesser und 179 Meter Nabenhöhe – bewegten sich die eingesetzten Systeme an der unteren Leistungsgrenze dessen, was für diese Bauaufgabe technisch in Frage kommt.
Die Baustelle verdeutlicht die wachsenden Anforderungen an Hebetechnik im Zuge steigender Anlagenleistungen. Jede der installierten Windenergieanlagen verfügt über eine Nennleistung von 6,8 Megawatt und zählt mit ihrer Nabenhöhe zu den höchsten Onshore-Anlagen weltweit.
Größere Rotordurchmesser erhöhen insbesondere in Schwachwindregionen den Energieertrag, während größere Nabenhöhen eine bessere Anströmung außerhalb der bodennahen Grenzschicht ermöglichen. Die daraus resultierenden Bauteilmassen und Hubhöhen bedingen hoch spezialisierte Krankonzepte.

Technische Anforderungen an Krane der 800-Tonnen-Klasse
Auf der Baustelle arbeiteten ausschließlich Maschinen aus Ehingen zusammen, einschließlich der Hilfskrane, sodass insgesamt neun Einheiten desselben Herstellers koordiniert wurden. Die drei 800-Tonner waren mit dem HSL4-Auslegersystem konfiguriert und verfügten über 174 Meter Hauptausleger zuzüglich 18 Meter fester Spitze.
Für die Hübe kamen 170 Tonnen Oberwagenballast sowie 100 Tonnen Schwebeballast zum Einsatz. Das schwerste Einzelbauteil, das Getriebe, wog 83 Tonnen netto.
Damit bewegten sich die Krane hinsichtlich Traglast, Ausladung und Hubhöhe in einem anspruchsvollen Bereich. Die Kombination aus großen Radien, hohen Lasten und begrenzten Wetterfenstern erforderte eine präzise Einsatzplanung sowie flexible Konfigurationsmöglichkeiten.

Flexibles Ballastkonzept und variable Radien
Beim Aufrichten des Turms waren insgesamt mehr als 400 Tonnen Schwebeballast erforderlich. Das VarioTray-System ermöglichte es, eine 300-Tonnen-Palette innerhalb kurzer Zeit von einer zusätzlichen 100-Tonnen-Einheit zu trennen und separat abzustellen.
Dadurch ließen sich Rüst- und Umrüstzeiten reduzieren. Insbesondere im Windpark Mahlsdorf, wo witterungsbedingt nur zweitägige Montagefenster zur Verfügung standen, erwies sich diese Flexibilität als operativ relevant.
Auch der V-Frame trug zur Effizienzsteigerung bei. Rotorblätter konnten bei großem Ballastradius aufgenommen und bei reduziertem Radius montiert werden, ohne dass zusätzliche Ballaststapelvorgänge erforderlich waren. Diese Anpassungsfähigkeit reduzierte Stillstandszeiten und vereinfachte den Materialfluss auf der Baustelle.

Logistik, Transport und Umbauzeiten
Ein zentraler wirtschaftlicher Faktor bei der Realisierung von Windparks ist die Minimierung von Rüst- und Umsetzzeiten der Großkrane. Die Hofmann Kran-Vermietung setzte selbstfahrende Modultransporter ein, um den LR 1800-1.0 ohne vollständige Demontage umzusetzen. Grundgerät und Gegenausleger wurden dabei als vormontierte Einheiten transportiert.
Nolte entschied sich projektbezogen für den LG 1800-1.0 in mobiler Ausführung. „Wir sind grundsätzlich eine Mobilkranfirma. Da man beim LG 1800-1.0 keine 70 Tonnen schweren Raupenfahrwerke transportieren muss, passt das besser zu unserer Tiefladerflotte,“ so Jürgen Peters, Projektleiter bei Nolte.
Auch für Neeb stand die Logistik im Fokus. Ingo Klees, Mitarbeiter im technischen Außendienst, erläutert: „Da der Windpark bis zum Jahresende fertiggestellt werden sollte, wurden wir kurzfristig zur Unterstützung hinzugezogen. Die Umsetzung des Krans erfolgte innerhalb von sieben Tagen – einschließlich Demontage und erneuter Montage. Und das, obwohl der Kran zuvor im Schwarzwald im Einsatz war, rund 850 Kilometer entfernt von Mahlsdorf. Diese Leistung war nur durch ein hervorragend eingespieltes Team sowie ein gut durchdachtes Montage- und Transportkonzept möglich.“

Serviceeinsatz unter Baustellenbedingungen
Bei intensiver Nutzung hochbelasteter Hydraulik- und Antriebssysteme sind technische Störungen nicht auszuschließen. Während des Projekts trat an einer Raupe ein Problem mit einer Hydraulikpumpe auf. Der Kundendienst des Herstellers war innerhalb weniger Stunden vor Ort, sodass die Instandsetzung in enger Abstimmung mit dem Betreiber erfolgen konnte. Durch eine zusätzliche Nachtschicht und die Nutzung eines witterungsbedingten Stillstandstags wurde der Montageplan eingehalten.
Rainer Schlesner, Kranfahrer bei Nolte, bestätigt: „Der gute und schnelle Service ist ein wesentlicher Grund, warum auch wir uns immer wieder für Krane aus dem Hause Liebherr entscheiden.“
Perspektiven für kommende Anlagengenerationen
Mit Blick auf zukünftige Turbinengenerationen mit weiter steigenden Nabenhöhen und Massen sehen die beteiligten Unternehmen die 800-Tonnen-Klasse weiterhin als geeignet an. Erik Piper, Kranfahrer und SPMT-Operator bei Hofmann, bewertet die Leistungsfähigkeit wie folgt: „Die LR 1800-1.0 ist ideal für die Montage der nächsten Generation von Windkraftanlagen mit steigenden Nabenhöhen und höheren Massen. Der Kran ist stark genug, um auf Basis der Wind-Lasttabellen auch bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 30 km/h arbeiten zu können.“

Zur Stabilisierung der Rotorblatttraverse wurde ein aktives Positionierungssystem eingesetzt, das mit elektronisch gesteuerten Propellern arbeitet. „Wenn man das nur mit Leinen und Personal am Boden versuchen würde, könnte man nur bei erheblich geringeren Windgeschwindigkeiten arbeiten, was zu mehr Standzeiten führen würde“, sind sich Piper und sein Kollege von Schlesner von Nolte einig.
Mit der erfolgreichen Realisierung des Projekts in Mahlsdorf zeigt sich, dass leistungsstarke 800-Tonnen-Krane bei entsprechender Systemauslegung, abgestimmter Logistik und reaktionsfähigem Service einen wesentlichen Beitrag zur termingerechten Errichtung großdimensionierter Onshore-Windenergieanlagen leisten können.
Über die Liebherr-Werk Ehingen GmbH
Die Liebherr-Werk Ehingen GmbH mit Sitz in Ehingen (Donau) zählt zu den international führenden Herstellern von Mobil- und Raupenkranen. Das Produktportfolio reicht bei Mobilkranen vom zweiachsigen 35-Tonnen-Gerät bis hin zu Schwerlastkranen mit 1.200 Tonnen Traglast und neun Achsen. Im Bereich der Gittermastkrane auf Mobil- oder Raupenfahrwerken werden Traglasten bis 3.000 Tonnen erreicht.
Die Maschinen sind modular aufgebaut und mit unterschiedlichen Auslegersystemen sowie umfangreicher Zusatzausrüstung konfigurierbar. Am Standort sind rund 5.000 Beschäftigte tätig. Ein weltweites Servicenetz unterstützt den Betrieb der Geräte. Im Geschäftsjahr 2024 erzielte das Werk einen Umsatz von 3,19 Milliarden Euro.
Fotos: Liebherr




