Schwerlasttechnik für extreme Prozessbedingungen in der Stahlproduktion

Der Einsatz von Schlackenkübeltransportern (SPC: Slag Pot Carrier) zählt zu den technisch anspruchsvollsten Anwendungen im innerbetrieblichen Schwerlastverkehr der Stahlindustrie. Unter extremen thermischen und mechanischen Belastungen müssen diese Fahrzeuge große Mengen flüssiger Schlacke zuverlässig und sicher bewegen.
In einem indischen Stahlwerk ist seit Ende 2025 ein besonders leistungsfähiges Modell des Herstellers TII Kamag im Einsatz: ein SPC 2803-170 mit einer Nutzlast von 170 Tonnen, ausgelegt für Temperaturen von bis zu 1.500 Grad Celsius. Die Kombination aus Fahrzeugarchitektur und vollautomatisierter Antriebstechnik – unter anderem mit Komponenten von Allison Transmission – adressiert zentrale Herausforderungen wie kontinuierliche Verfügbarkeit, Betriebssicherheit und Effizienz im 24/7-Einsatz.
SPC im Hitzestress
Rund um den Hochofen herrschen Umgebungstemperaturen von bis zu 150 Grad Celsius, die nur unter Einsatz spezieller Schutzkleidung tolerierbar sind. In diesem Umfeld muss die beim Schmelzprozess entstehende, flüssige Schlacke mehrmals täglich zügig zur Deponie transportiert werden. Dabei treffen hohe Massen, thermische Einflüsse und beengte Fahrwege aufeinander. Der Transport erfolgt unter Bedingungen, die sowohl an die mechanische Auslegung als auch an die Steuerbarkeit der SPC höchste Anforderungen stellen.

Fahrzeugkonzept und konstruktive Merkmale
Das eingesetzte Fahrzeug Kamag SPC 2803-170 basiert auf einer kompakten U-Rahmen-Konstruktion, die besonders im Hinblick auf Prozesszeiten und infrastrukturelle Einschränkungen Vorteile bietet. Die Bauweise reduziert die Dauer für Aufnahme- und Absetzvorgänge und ermöglicht durch die geringe Ladehöhe die Nutzung kürzerer Transportwege, selbst bei begrenzten Durchfahrtshöhen. Dies wirkt sich unmittelbar auf die Taktzeiten im Produktionsprozess aus.
Mit einer Gesamtlänge von 12,35 Metern, einer Breite von 7,62 Metern und einer Höhe von 5,25 Metern sowie einem Leergewicht von 96,5 Tonnen und einem Gesamtgewicht von 266,5 Tonnen im beladenen Zustand bewegt sich der SPC in Dimensionen, die üblicherweise mit eingeschränkter Manövrierfähigkeit einhergehen. Dennoch ist das Fahrzeug auf enge Werksstrukturen ausgelegt und erlaubt präzise Fahrbewegungen auch unter schwierigen Bedingungen. Die Auslegung der Fahrerkabine als gas- und staubdichtes, klimatisiertes System mit Multifunktionsdisplay, Rundum-Kameratechnik und integrierter Sicherheitsausstattung unterstützt die sichere Bedienung zusätzlich.

Antrieb und Kraftübertragung im SPC-Betrieb
Im Zentrum des Antriebskonzepts steht ein Caterpillar C15 Dieselmotor mit 403 kW (548 PS) bei 2.100 U/min, kombiniert mit einem vollautomatischen Getriebe der 4000-SP-Serie von Allison Transmission sowie einem Versatzgetriebe VG2600 von DGS Diesel- und Getriebeservice GmbH. Diese Konfiguration ermöglicht eine kontinuierliche Kraftübertragung ohne Zugkraftunterbrechung, was insbesondere beim Anfahren unter Volllast sowie bei langsamen, kontrollierten Fahrmanövern entscheidend ist.
Die automatische Gangwahl entlastet das Fahrpersonal erheblich und sorgt für eine situationsabhängige Anpassung der Schaltpunkte. Dadurch wird sowohl bei leerem als auch bei voll beladenem Kübel ein effizienter Betrieb sichergestellt. Die gleichmäßige Leistungsabgabe trägt dazu bei, dynamische Lastbewegungen der flüssigen Schlacke zu minimieren und somit die Betriebssicherheit zu erhöhen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Fähigkeit des Systems, auch unter maximaler Belastung eine stabile Traktion bereitzustellen. Gerade beim Kippvorgang an der Deponiekante, bei dem das Fahrzeug in einer exponierten Position arbeitet, ist eine fein dosierbare Kraftübertragung essenziell.

Dauerbetrieb, Wartung und Systemintegration
Die Anforderungen der Stahlindustrie verlangen nach Fahrzeugen, die über lange Zeiträume hinweg mit minimalen Stillständen betrieben werden können. Entsprechend ist das Gesamtsystem auf Robustheit und Wartungsarmut ausgelegt. Lange Wartungsintervalle sowie digitale Fernwartungslösungen wie Kamag Connect ermöglichen eine vorausschauende Instandhaltung und reduzieren ungeplante Ausfälle.
Der Einsatz eines Drehmomentwandlers anstelle konventioneller Kupplungssysteme trägt dazu bei, verschleißanfällige Komponenten zu reduzieren. Dies wirkt sich direkt auf die Lebenszykluskosten aus und verbessert die Verfügbarkeit im Dauerbetrieb. Gleichzeitig erlaubt die Systemintegration eine enge Abstimmung zwischen Motor, Getriebe und Zusatzaggregaten wie den Hydrauliksystemen für den Kippvorgang.
Betriebssicherheit und Prozessstabilität
Die sicherheitstechnische Auslegung des SPC 2803-170 folgt dem Grundsatz kontrollierter Bewegung unter allen Betriebszuständen. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 8 km/h im beladenen und 35 km/h im unbeladenen Zustand begrenzt, um die Stabilität der Last zu gewährleisten. Ergänzend sorgen Assistenzfunktionen wie automatische Beschleunigungssteuerung, Continuous Power Technology und kamerabasierte Umfeldüberwachung für zusätzliche Sicherheit.
Die eigentliche Herausforderung liegt in der Balance zwischen Geschwindigkeit und Kontrolle. Die Schlacke darf während des Transports nicht vorzeitig erstarren, gleichzeitig erfordert ihre hohe Temperatur ein besonders gleichmäßiges Fahrverhalten. Diese widersprüchlichen Anforderungen werden durch die abgestimmte Antriebstechnik und die automatisierten Fahrfunktionen adressiert.

Einordnung und praktische Erfahrungen
Das betreffende Stahlwerk greift auf eine bestehende Flotte vergleichbarer Fahrzeuge von TII Kamag zurück und hat seine Kapazitäten gezielt erweitert. Ausschlaggebend für die Auswahl des aktuellen Modells war die Kombination aus erhöhter Nutzlast und bewährter Betriebssicherheit. Die Integration in bestehende Prozesse konnte ohne grundlegende Anpassungen erfolgen, was für die Standardisierung innerhalb solcher Flotten von Bedeutung ist.
Michael Birzele, Teamleiter der Business Unit Industry and Special Projects bei TII Kamag, bestätigt: „Unsere SPC-Modelle werden seit 2013 mit Allison Getrieben ausgestattet und sind weltweit im Einsatz. Diese Konfiguration bietet den kompaktesten Antriebstrang. Er liefert ein hohes Drehmoment, eine unübertroffene Zugkraft und eine hervorragende Traktion. Außerdem sind die Vollautomatikgetriebe äußerst robust und wartungsarm. Wir hatten noch nie Probleme mit diesen Getrieben und wir verbauen sie in all unseren SPC-Modellen in U-Rahmen-Bauweise, vom SPC mit 100 Tonnen, über 140 Tonnen, bis hin zu 170 Tonnen Nutzlast.
Michael Birzele ergänzt: „Durch die Vollautomatik sind unsere SPC sehr einfach zu bedienen, fast wie ein Auto. Von den Fahrern unserer Kunden hören wir immer wieder, dass sie sich mit dieser Technik wirklich sicher fühlen, trotz des großen Kübels voll glühend heißer Schlacke im Nacken, und dass ihnen das Fahren Spaß macht.“
Die Weiterentwicklung von Schlackenkübeltransportern zeigt, dass Effizienzsteigerungen in der Stahlproduktion zunehmend über spezialisierte Fahrzeugtechnik realisiert werden. Insbesondere die Kombination aus automatisierter Kraftübertragung, digitaler Systemüberwachung und optimierter Fahrzeuggeometrie eröffnet Potenziale zur Reduzierung von Stillstandszeiten und zur Verbesserung der Prozessstabilität.
Hintergrund: Schlacke als Nebenprodukt metallurgischer Prozesse
Bei metallurgischen Herstellungs- und Verarbeitungsprozessen zur Gewinnung von Metallen entsteht Schlacke als Nebenprodukt. Sie wird beim Schmelzen vom Metall abgetrennt und schwimmt aufgrund ihrer geringeren Dichte auf dem flüssigen Metallbad. In diesem Zustand wird sie abgeschöpft und bei Temperaturen von etwa 1.500 Grad Celsius in Schlackenkübeltransportern zur weiteren Behandlung oder Deponie verbracht. Je nach Zusammensetzung und Aufbereitung wird Schlacke anschließend als Sekundärrohstoff im Bauwesen eingesetzt, etwa im Straßenbau oder bei der Zementherstellung, oder dauerhaft deponiert.

Unternehmensprofil TII Kamag im Kontext der TII Group
TII Group ist ein weltweit tätiger Hersteller von Schwerlast- und Spezialfahrzeugen mit rund 1.000 Beschäftigten und gehört zur Unternehmensgruppe der Familie Otto Rettenmaier. Innerhalb der Gruppe agieren TII Kamag und TII Scheuerle als spezialisierte Einheiten mit Produktionsstandorten in Deutschland und Indien sowie einem globalen Vertriebs- und Servicenetzwerk. Die Fahrzeuge der Gruppe kommen in unterschiedlichen Branchen zum Einsatz, darunter Transport und Logistik, Bauwesen, Anlagenbau, Luft- und Raumfahrt, Energie sowie Stahl- und Bergbauindustrie. Mit Transportlösungen für Lasten von über 23.000 Tonnen hält die Gruppe einen Weltrekord im fahrzeuggebundenen Schwertransport.
Unternehmensprofil Allison Transmission
Allison Transmission zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Antriebslösungen für Nutz- und Militärfahrzeuge und gilt als größter Hersteller vollautomatischer Getriebe für mittlere und schwere Nutzfahrzeuge. Das 1915 gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in Indianapolis ist in mehr als 150 Ländern präsent und verfügt über Produktionsstätten in den USA, Ungarn und Indien sowie über mehrere Entwicklungszentren, unter anderem mit Fokus auf Elektrifizierungstechnologien. Die Produkte finden Anwendung in On- und Off-Highway-Fahrzeugen, darunter Bau- und Entsorgungsfahrzeuge, Busse, Militärfahrzeuge sowie Maschinen für Bergbau, Energie und Landwirtschaft.
Fotos: TII Kamag / Allison Transmission / DGS




