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BOS-Krane – 50 Jahre Offshore-Einsätze

Ein halbes Jahrhundert konstruktive Weiterentwicklung

50 Jahre Liebherr BOS-Krane
Der BOS 45000 erreicht Traglasten bis 1.400 Tonnen und Ausladungen über 100 Meter und eignet sich damit für anspruchsvolle Schwerlastaufgaben, darunter die Installation von Offshore-Windparks

Liebherr feiert das fünfzigjährige Jubiläum der BOS-Krane und blickt auf eine Entwicklung zurück, die den technologischen Fortschritt in maritimen Arbeitsumgebungen maßgeblich mitgeprägt hat. Seit 1975 kommen BOS-Krane in unterschiedlichen Offshore-Szenarien zum Einsatz, zunächst als vergleichsweise einfache, aber robuste Lösungen für Förder- und Produktionsplattformen.

Fundament einer langfristigen Offshore-Entwicklung

Der erste ausgelieferte Kran, ein B 10 / 17 EX auf der schwimmenden Einheit Princess Aweni, machte früh deutlich, wie stark der Bedarf an belastbaren Hebesystemen auf See wachsen würde. Aus der zunächst kartenbasierten Steuerung entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine komplexe Systemarchitektur, die zunächst stoß- und wasserfeste Einheiten integrierte und später in steuerungstechnische Plattformen überging, die höhere Rechenleistungen, erweiterte Funktionen und fein abgestimmte Konfigurationsmöglichkeiten ermöglichen.

Parallel dazu eröffnete die zunehmende Erfahrung aus mehreren Hundert ausgelieferten Anlagen Wege zu konstruktiven Anpassungen, ohne die grundlegende Funktionsphilosophie des BOS-Designs zu verändern.

Diese historische Entwicklung bildet heute die Grundlage für eine neue elektrische Ausführung, mit der Liebherr auf die fortschreitende Elektrifizierung im Offshore-Bereich reagiert. Die Serie wird damit an veränderte Rahmenbedingungen angepasst, während zentrale strukturelle Elemente der bisherigen Konstruktion weiterhin Bestand haben.

50 Jahre Liebherr BOS-Krane
Zwei BOS-Krane veranschaulichen die typische Konstruktionsweise der Serie mit dem markanten A-Bock und der charakteristischen Gittermaststruktur

Konstruktive Merkmale und technische Aufgabenprofile

Die BOS-Serie umfasst zahlreiche Krantypen, die sich hinsichtlich Leistungsbereich, Auslegergeometrie und Einsatzprofil deutlich unterscheiden, jedoch auf gemeinsamen konstruktiven Merkmalen aufbauen. Dazu gehören der charakteristische A-Bock, die tragende Gitterauslegerstruktur und integrierte Laufstege, die den Zugang zu Inspektions- und Wartungsbereichen erleichtern.

Im täglichen Betrieb dient der A-Bock nicht nur dem Verstellen des Auslegers, sondern bindet auch hydraulische, mechanische und sicherheitstechnische Komponenten ein. Der Gitterausleger ermöglicht große Hebelweiten, bleibt zugleich verwindungssteif und wirkt Bewegungen entgegen, die im Offshore-Bereich durch Seegang und wechselnde Lastfälle auftreten können.

Hilfshubwerke unterstützen die Handhabung leichterer Lasten und reduzieren den Zeitaufwand bei Routinevorgängen, während gut zugängliche Laufstege die Effizienz regelmäßiger Kontroll- und Instandhaltungsarbeiten verbessern.

50 Jahre Liebherr BOS-Krane
Der BOS 35000 ist für Schwerlastarbeiten in großen Höhen ausgelegt, bewältigt Lasten bis 1.250 Tonnen und wird unter anderem für die Installation von Offshore-Windparks sowie für das Handling umfangreicher Plattformkomponenten genutzt

Leistungsbereiche der BOS-Krane

In den höchsten Kapazitätsbereichen positioniert Liebherr die Modelle BOS 35000 und BOS 45000, die für Installations- und Instandhaltungsprojekte ausgelegt sind, bei denen schwere Komponenten über große Distanzen bewegt werden müssen. Der BOS 35000 ist für Traglasten bis zu 1.200 Tonnen konzipiert und richtet sich primär an Betreiber großer Offshore-Windparks oder von Öl- und Gasinfrastrukturen, die über See transportiert und montiert werden.

Der BOS 45000 führt dieses Konzept fort und erweitert es um Traglasten bis zu 1.400 Tonnen sowie Reichweiten von über 100 Metern. Durch diese Kombination entsteht ein Kranprofil, das besonders für groß angelegte Installations- und Stilllegungsaufgaben geeignet ist, bei denen präzise Arbeitsabläufe unter wechselhaften und teilweise extremen Umgebungsbedingungen gefordert sind.

„Die BOS-Krane sind die ideale Lösung für die Wartung von Offshore-Windparks, insbesondere, wenn lange Auslegerlängen erforderlich sind“, sagt Robert Pitschmann, Global Application Manager für Schwerlast-Offshore- und Schiffskrane. „Mit ihrem bewährten Design und ihrer Anpassungsfähigkeit sind sie seit 50 Jahren führend in der Offshore-Technologie. Dieses Erbe treibt auch heute die Leistung in den anspruchsvollsten Umgebungen voran.“

Globale Bedeutung und Marktverbreitung

Seit der ersten Auslieferung haben sich BOS-Krane zu einem bestimmenden Element im Offshore-Portfolio von Liebherr entwickelt. Zunächst in Nenzing gefertigt, verlagerte das Unternehmen ab 2005 die Produktion sämtlicher BOS-Modelle an den Standort Rostock, der sich seither zu einem zentralen Fertigungs- und Entwicklungsstandort für maritime Krantechnologie weiterentwickelte.

Diese Entscheidung markierte zugleich einen Übergang, in dem Produktionsprozesse vereinheitlicht, konstruktive Standards neu bewertet und die Grundlage für spätere Modifikationen geschaffen wurden. Insgesamt wurden bisher 502 BOS-Krane ausgeliefert, wobei das Vereinigte Königreich, Brasilien und Norwegen zu den größten Einzelmärkten zählen. Die weltweite Verteilung zeigt deutlich, dass die Serie in unterschiedlichen Offshore-Sektoren eingesetzt wird, darunter Energieerzeugung, Versorgung, Infrastrukturmontage und Plattformservice.

Strukturelle Neugestaltung und Standardisierung ab 2005

Parallel zum kontinuierlichen Einsatz entwickelte sich die Offshore-Branche in Richtung wartungsarmer Krane wie der Ram-Luffing-Modelle. Dennoch behalten BOS-Krane eine besondere Rolle, vor allem dort, wo lange Auslegerlängen und weitreichende Arbeitsradien notwendig sind. Die Gitterauslegergeometrie bietet unter dynamischen Bedingungen Vorteile, indem sie vertikale Bewegungen reduziert und dadurch die Stabilität im Hebevorgang verbessert. Der konstruktive Aufbau unterstützt präzise Lastbewegungen und trägt dazu bei, die operativen Risiken in einem Umfeld zu minimieren, in dem Plattformbewegungen, Windlasten oder Wellengang den Arbeitsprozess beeinflussen.

Ein bedeutender gestalterischer Eingriff erfolgte 2005 mit der Einführung einer neuen Grundkonfiguration. Während frühere Modelle eine integrierte Antriebseinheit in der Drehplattform und einen oben montierten A-Bock aufwiesen, trennt das aktuelle Design beide Bereiche deutlich voneinander. Diese Veränderung erleichterte die Wartung, reduzierte die Komplexität früherer Anordnungen und schuf zugleich eine verlässliche Basis für spätere technologische Erweiterungen.

50 Jahre Liebherr BOS-Krane
Der BOS 7500 bietet eine maximale Ausladung von 84 Metern und eine Tragfähigkeit bis 300 Tonnen und wird vor allem auf Service-Schiffen für Installations- und Reparatureinsätze verwendet

Steuerungsarchitektur und BOS-spezifische Digitalisierung

Seit 2005 ist die BOS-Serie mit dem Litronic-Kransteuerungssystem ausgestattet. Dieses System bildet eine Schnittstelle zwischen Bediener, Maschine und sensortechnisch erfassten Umgebungsparametern. Durch Echtzeitdiagnosen und adaptive Leistungsanpassungen macht Litronic komplexe Hubvorgänge präziser steuerbar, insbesondere unter Bedingungen, in denen konventionelle Steuerungen an Grenzen stoßen. Die modulare Architektur ermöglicht spezifische Anpassungen an unterschiedliche Einsatzprofile, womit die Steuerung zur technischen Grundlage für eine Vielzahl globaler Anwendungsfälle wurde.

„Die BOS-Serie hat sich über Jahrzehnte im Offshore-Einsatz bewährt. Ihre Anpassungsfähigkeit, solide Ingenieurskunst und die Integration von Systemen wie Litronic machen sie zu einer zuverlässigen Wahl für Betreiber weltweit. Wir haben das Konzept im Laufe der Jahre verfeinert, aber die Kernstärken sind geblieben und genau das macht den Erfolg weiterhin aus“, erklärt Stefan Schneider, Global Application Manager für General Purpose Offshore-Krane.

Weitere Offshore-Lösungen im Gesamtportfolio

Neben der BOS-Serie stehen weitere Offshore-Lösungen zur Verfügung, etwa der TCC 14000, der auf einem mobilen Unterwagen basiert und hohe Hubleistungen mit flexibler Positionierbarkeit verbindet. Durch Tragfähigkeiten bis zu 600 Tonnen und Hakenhöhen von 100 Metern eignet sich dieses Modell insbesondere für Einsätze, die schnelle Mobilisierung und variable Einsatzpunkte erfordern. Seine Architektur kombiniert Elemente der BOS-Auslegung mit der Mobilität hafentechnischer Geräte und erweitert damit das Anwendungsfeld innerhalb maritimer Einsatzumgebungen.

Elektrifizierung und zukünftige Entwicklungsrichtungen

Die Elektrifizierung zählt zu den zentralen Entwicklungsrichtungen der kommenden Jahre. Mit der neuen elektrischen BOS-Variante reagiert Liebherr auf Anforderungen, die sich aus veränderten regulatorischen Rahmenbedingungen, Energieeffizienzvorgaben und zunehmendem Druck zu emissionsärmeren Arbeitsprozessen ergeben. Die Einführung ist zugleich ein Hinweis darauf, wie bestehende Konstruktionsphilosophien an zukünftige Anforderungen angepasst werden können, ohne das technologische Fundament der Serie zu verändern.

Am Standort Rostock entsteht damit ein Produktions- und Entwicklungsumfeld, das den Übergang zu hybriden und elektrischen Hebelösungen vorbereitet. Die Kombination aus jahrzehntelanger Betriebserfahrung und neuen elektrischen Antriebssystemen bildet den Ausgangspunkt für weitere Modernisierungsschritte, die im Offshore-Bereich in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen werden.