Tesla kommt nach Deutschland
Architekturskizze des geplanten Werks. Der erhöhte Bereich des Gebäudes beherbergt Lackiererei und Gießerei

Tesla kommt nach Deutschland

Tesla zieht in Deutschland seine vierte „Giga-Fabrik“ hoch

Seit 2017 geisterte die Ankündigung von Tesla-CEO Elon Musk, auch in Europa eine Giga-Factory zu eröffnen, durch die Gazetten. In Deutschland versprachen sich dabei mehrere mögliche Standorte gute Aussichten auf einen entsprechenden Zuschlag. Am 12. November 2019 gab Musk dann anlässlich der Verleihung des Goldenen Lenkrads seine Entscheidung bekannt, die nunmehr vierte Gigafactory im brandenburgischen Grünheide bei Berlin zu bauen.

Das weitestgehend gerodete Tesla-Areal in Grünheide. Am linken Bildrand der Berliner Ring, rechts das Gewerbegebiet Freienbrink

Standort wird ein 300 Hektar großes, vom Land Brandenburg für etwas mehr als 40 Millionen Euro erworbenes Grundstück sein, das im Rahmen eines vor über 20 Jahren erstellten Bebauungsplanes als Industriegebiet ausgewiesen ist. Für Tesla bietet dieser Standort günstige Rahmenbedingungen: Der Berliner Ring grenzt mit der Abfahrt Freienbrink westlich direkt an das Firmengelände, eine vorhandene Stichstrecke der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn ließe sich für eine Anbindung zum Güterverkehrszentrum Freienbrink nutzen. Zudem führt der Oder-Spree-Kanal in einer Entfernung von kaum mehr als fünf Kilometern südlich des Standortes vorbei. Überdies liegt auch der neue Flughafen Berlin Brandenburg nur knapp 30 Kilometer von der Gigafactory entfernt.

Hinzu kommen weitere Faktoren wie mögliche Syner­gieeffekte durch die relative Nähe zum VW-Standort Zwickau, an dem die Marke demnächst ebenfalls Autos mit Batterieantrieb bauen will, oder die von Daimler aufgebaute Produktion von Lithium-Ionen-Batterien in der Lausitz. Als weiterer Pluspunkt könnte sich die im bundesweiten Vergleich führende Position des Bundeslandes (Brandenburg liegt nach Niedersachsen auf dem 2. Platz) bei der Stromproduktion aus Wind­energie erweisen. Bei Einsatz erneuerbarer Ener­gien in der Fertigung würde sich der ökologische Fußabdruck entsprechender Tesla-Modelle erheblich verkleinern – ein nicht zu verachtender Wettbewerbsvorteil gegenüber Batterien aus China.

Ende Juni werden die ersten Betonfertigteile aus der Fertigung von Max Bögl geliefert. Im Hintergrund das Tesla-Gelände

Das Land suchte seit geraumer Zeit einen Investor für das Areal. Zu DDR-Zeiten befand sich hier ein geheimes Ausbildungszentrum der Stasi, wo auch Pakete aus Westdeutschland durchsucht und der Besitz ge­flo­­hener DDR-Bürger eingelagert wurde. Schon vor zwanzig Jahren war hier die Ansiedlung eines Autobauers geplant. Damals stand die Marke BMW in den Start­löchern, hier eine neue Produktionsstätte aufzubauen, die dann allerdings doch in Leipzig errichtet wurde.

Die genauen Umrisse des Projekts

Wie von dem Guru der Tech-Branche gewohnt, trieb Musk nach Bekanntgabe der Standortentscheidung die folgenden Schritte mit Nachdruck voran. Im Dezember reichte der damalige Tesla-Bauleiter Evan Horetzky einen fast 2.000-seitigen Genehmigungsantrag beim Landesamt für Umwelt ein. Das erteilte kurz darauf zunächst eine vorzeitige Genehmigung, sodass schon im ersten Quartal 2020 mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte. Bereits im Juli 2021 will Tesla die Produktion anfahren.

In den märkischen Sand gesetzt: Gründungsarbeiten auf dem Tesla-Areal

Damit bis dahin alle nötigen Einrichtungen bereitstehen, sollen unter anderem ein Presswerk, eine Gießerei mit einer Kapazität von über 100.000 Tonnen pro Jahr, eine Halle für den Karosserierohbau, eine Lackiererei, eine Sitzfertigung, eine Fertigung für die Antriebe so­­wie eine Halle für die Endmontage in den märkischen Sand gesetzt werden. Die Produktionsgebäude sollen allesamt eine Höhe von 15 Metern erreichen, während sich Presswerk und Lackiererei 24 Meter über den Grund erheben sollen.

Nach Abschluss einer 1. Baustufe, für die Tesla mit Errichtungskosten von 1,065 Milliarden Euro rechnet, sollen dann ab Sommerbeginn bis zu 12.000 Beschäftigte im Dreischichtbetrieb zunächst etwa 100.000 Fahrzeuge des Modells Y pro Jahr produzieren. Später soll das Model 3 folgen und die Kapazität auf bis zu 500.000 Ein­heiten gesteigert werden.

Kaum mehr als ein Jahr später lancierte Musk neue Pläne für das Werk. Neben der Produktionsstätte für die Modelle 3 und Y soll in Grünheide nun auch eine Batteriefabrik mit rund einhundert Gigawattstunden Kapazität entstehen, die möglicherweise sogar auf 250 Gigawattstunden hochgefahren werden sollen. Damit „könnte die Tesla-Fabrik in Grünheide“ nach den Worten des brandenburgischen Wirtschaftsministers Jörg Steinbach „perspektivisch sogar bis zu 40.000 Mitarbeiter haben.“ Damit dürfte die insgesamt zu tätigende Investitionssumme wie angekündigt auf vier Milliarden Euro steigen.

Straffer Zeitplan bis zur Fertigstellung

Mitte Juni werden große Fundament-Füße für den Unterbau des
Gebäude-Teils der Gießerei ohne darunterliegende Pfähle mit Beton gefüllt

Längst haben unterdessen auf dem künftigen Tesla-Gelände Bagger, Dumper und Krane das Regiment übernommen. Mittlerweile stehen die ersten Rohbauten unterschiedlicher Produktionshallen. Der ausgegebene­ Zeitplan gestaltet sich durchaus sportlich. Daher baut der Konzern, wie bereits erwähnt, einstweilen auf Basis von vorzeitigen Genehmigungen, die Umweltämter nach dem Bundesimmissions­schutzgesetz für einzelne Bauschritte schon im Vorfeld erteilen dürfen, wenn eine endgültige Baugenehmigung wahrscheinlich ist. Die dürfte bald erfolgen, liegt derzeit aber noch nicht vor.

Der nach Eingang des Genehmigungsantrags notwendigen öffentlichen Anhörung zu den von Bürgern und Verbänden eingereichten 370 Einwendungen gegen die Pläne kam zunächst die Corona-Epidemie in die Quere, dann stellte die Behörde fest, dass es wegen des sandigen Bodens in der Region Probleme mit der vorgesehenen Gründung auf Flachfundamenten geben könne. Weil Tesla das ursprünglich nicht berücksichtigt hatte, musste das Unternehmen seine Pläne noch einmal umfassend überarbeiten und konnte die aktualisierten Unterlagen erst im Juni beim Landesumweltamt einreichen. Erst Ende September richtete das Landesumweltamt dann den Erörterungstermin aus.

Massive Flachfundamente statt Pfahlgründung – das spricht für eine besonders hohe Lastaufnahme, wahrscheinlich für die Gießerei

Bedeuten diese genehmigungsrechtlichen Probleme bereits gewisse Verzögerungen, brachte dann allerdings Mitte Oktober ein handfester Eklat die Bautätigkeit zum Erliegen. Nachdem Tesla erst kurz zuvor nach zähen Verhandlungen mit dem zuständigen Wasserverband Strausberg-Erkner (WSE) einen Erschließungsvertrag unterschrieben hatte, der die Lieferung von bis zu 1,45 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr und die Ableitung von rund einer Million Kubikmeter Abwasser umfasst, drehte der WSE dem Autobauer das Wasser ab. Tesla habe auch nach mehrfachen Mahnungen seine Wasserrechnung nicht beglichen, hieß es dazu trocken.

Das vorübergehende Abschneiden vom Wasser kam für den US-Autobauer zur Unzeit: Die Bauarbeiten waren in vollem Gang. Ohne das aus einem provisorischen Anschluss über Standrohre gelieferte Nass war ein Betonieren nicht möglich, sodass Tesla in seinem Zeitplan weiter zurückgeworfen wurde. Dennoch hält Tesla trotz der Verzögerungen bislang am Fahrplan für den Bau der Gigafactory in Grünheide bei Berlin fest.

Bereitstellung der nötigen Infrastruktur

Der stattliche Wasserverbrauch, der in etwa jenem einer Stadt mit 40.000 Einwohnern entspricht, wird vor allem mit Blick auf erwogene weitere Ausbaustufen der Fabrik durchaus zu einem handfesten Problem. Zwar hatte das Land dem WSE erlaubt, in seinem Einzugsgebiet insgesamt knapp 15 statt wie bisher zehn Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr zu fördern, doch das dürfte mittelfristig nicht ausreichen. Daher haben der WSE und das Landesumweltministerium eine Kommission gegründet, um nach Wasserreserven zu suchen, die von außerhalb ins WSE-Verbandsgebiet gepumpt werden könnten. Zudem sind die Planungen für ein zusätzliches Klärwerk wenige Kilometer südlich des Tesla-Geländes angelaufen.

Auch die zu erwartende erhebliche Zunahme der Ver­kehrsströme hat einiges in Bewegung gebracht. In den zur Umweltverträglichkeitsprüfung eingereichten Unterlagen rechnet Tesla vor, dass zunächst täglich mit gut und gern 460 Lkw-Fahrten, 2.800 Pkw-Fahrten je Schicht und bis zu sechs Güterzugspaaren zu rechnen sei.

Das Hallensystem wird von Max Bögl geliefert. Die einzelnen Bereiche werden schlussendlich einen zusammenhängenden Komplex bilden

So hat die Gemeinde Grünheide die Landesentwick­lungsgesellschaft beauftragt, Änderungsvorschläge für den lokalen Bebauungsplan ausarbeiten zu lassen. Unter anderem soll demnach eine neue Abfahrt vom direkt am Werk vorbeiführenden Berliner Ring gebaut werden. Außerdem soll der beschrankte Übergang am Bahnhof Fangschleuse durch eine Brücke ersetzt werden, um Wartezeiten zu vermeiden. Der Bahnhof selbst soll überdies um 1,5 Kilometer näher ans Werk versetzt werden. Die insgesamt fast 80 Millionen Euro Kosten für die Infrastrukturmaßnahmen rund um das Teslawerk wird voraussichtlich das Land tragen. Mit der Fertigstellung sei aber erst 2026 zu rechnen.

Skepsis gegenüber dem Vorhaben

Natürlich rief das Bauvorhaben auch etliche Skeptiker auf den Plan. Anwohner befürchten einen Verkehrskollaps, eine Bürgerinitiative sorgt sich um Natur und Trinkwasser in der Region. Zur Klärung etwaiger Streitfragen hat der Konzern in der Gemeinde Grünheide ein Bürgerbüro eröffnet.